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KUNSTPREIS DER STADT DONAUWÖRTH 2012

Der Autor Norbert Kiening ist Vorsitzender des BBK Augsburg / Schwaben-Nord
und seit 1988 freischaffend als Künstler tätig.                  www.norbert-kiening.de

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DIE GANZE EWIGKEIT

Ines Kohl

" Die Kunst ist eine Harmonie, die parallel zur Natur verläuft; was soll man von den Dummköpfen halten, die behaupten, dass der Künstler immer der Natur unterlegen sei?"

(Paul Cézanne)

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"Sie finden da auch ein kleines, blaues Schild vor der Kirche, auf dem "Töpferei" steht", hatte Jochen Rüth gesagt, als er den Weg zu seiner Werkstatt beschrieb. Dabei sprach er das Wort Töpferei schon so aus, als ob es mit dem, was er in seiner Töpferei macht, nicht allzu viel zu tun hätte. Betritt man die kleinen, hellen Ladenräume, sind da wunderschöne, japanisch anmutende Teeschalen in Raku-Technik, doch bereits die flaschenartigen Gefäße, die alte Formen zitieren, die bauchigen Vasen und weit offenen Töpfe lassen an antike Keramikfunde aus der Unterwasserarchäologie denken, deren Oberfläche durch jahrhundertelanges Liegen auf dem Grund des Meeres von Algen überzogen, vom Salzwasser angefressen, von Kleinstlebewesen überkrustet und versintert ist. Dabei fällt bereits hier auf, dass dieser Effekt zwar gewollt ist, aber keineswegs wirkt wie ein Kokettieren mit Materialästhetik und einer gewissen Morbidezza, sondern ganz selbstverständlich als der Natur des Objekts entsprechend akzeptiert wird.

 

 

 

 

Doch was sich hier zeigt, ist erst der allmähliche Beginn einer Veränderung des Materials. Das ständige Experimentieren mit den verschiedensten Beigaben zum Brand führt zu einer Anverwandlung der Schöpfungen aus Erde und Feuer an Dinge, die natürliche Entwicklungs-und Verwitterungsprozessen ausgesetzt waren. Jochen Rüth war schon immer fasziniert von Oberflächen, die durch natürliche Prozesse herbeigeführt werden: Verwitterung, Vermoosung, Flechtenbefall, Oxidation, all das sind Abläufe, die auf natürlichem Weg stattfinden und Materialien verändern. Rüths Blick für den ästhetischen Reiz dieser Verwandlungen ist geschärft von den Jahren, die er mitten im Gebiet der Solnhofer Steinbrüche, in Mörnsheim, verbracht hat. Er sieht den Prozess des Vergehens als eine Art natürliche Veredelungstechnik, die er in der Werkstatt experimentierend nachvollzieht. Die Gefäßformen bleiben denkbar schlicht; worum es geht, sind die Oberflächen, die durch eine inzwischen äußerst ausgefeilten Technik und aufgrund langer Erfahrung mit dem "gelenkten Zufall", wie Rüth es gerne nennt, zu äußerster Raffinesse gebracht wurden.

 

 

Jochen Rüth verwendet keine fertigen Tonmischungen, er holt sich die Erden direkt aus Klardorf in der Oberpfalz und bearbeitet sie geduldig und mühevoll ausschließlich von Hand. Angeregt durch japanische Brennverfahren, werden die Gefäße in Stroh oder Gräser eingewickelt und unter Zugabe von unterschiedlichen Holzaschen in einer offenen Brennkapsel bei 1280 °C im Elektroofen gebrannt. Die verbrannten Strohhalme und Gräser erzeugen die roten "Feuerspuren" auf dem Scherben, durch die schmelzenden Holzaschen bilden sich glasurartige Verkrustungen und glänzende, bernsteinfarbige Glasflüsse, die, je nachdem wie die Gefäße beim Brand lagen, in Strähnen längs oder auch quer über die Gefäßwandung laufen. Durch den Ascheanflug bilden sich teils warzige, krustige Ablagerungen, die wie kleine Versteinerungen wirken können. Durch den natürlichen Eisengehalt des Tons färbt sich der Scherben von blaugrau bis rostrot. Die im Ton enthaltenen Quarzsteinchen blühen während des Brandes zu weißen, kristallähnlichen Körnchen aus. Je nach der  mineralischen Zusammensetzung und der Auflagedichte der Holzaschen variiert die Farbigkeit, so dass jeder Brand wieder neue, überraschende Ergebnisse bringt. So entstehen bauchige Flaschen und Töpfe mit teils dicken Krusten, die wie Stücke aus Grabungen wirken, aber auch Oberflächen, die rostig erscheinen und den Gefäßen etwa das Aussehen verrotteter Blechdosen geben.

 

 

 

 

Und dann entstehen in Rüths Werkstatt Gefäße, die man eigentlich so nicht mehr nennen kann, obwohl sie im weitesten Sinne immer noch Gefäße sind. Dazu nimmt Jochen Rüth einen Block aus Ton und zieht mit einem Vierkantholz so lange über die Seiten, bis die Oberflächen schrundig, scharfkantig, aufgerissen und schroff sind. Der Block verformt sich unter der Krafteinwirkung zu einem felsähnlichen Brocken, der drei- oder vierseitig sein kann und eine gerade noch stabile Auflagefläche hat. In einem zweiten Arbeitsgang wird ein weiteres Vierkantholz in das Innere des Blocks getrieben, das die Form aufbricht und das geschlossene Volumen nach außen öffnet. Beim Herausziehen des Holzes entstehen an der relativ weichen Tonmasse Abrisse und ausgezogene, gelängte Enden, die die kompakte Form in den Raum hineingreifend dynamisieren. Der getrocknete Block wird dann mit dem Gasbrenner bearbeitet, bis die Oberfläche durch die punktuelle Hitze abschilfert und ganze Teile weggerissen und abgesprengt werden. Es findet sozusagen eine beschleunigte, gelenkte Verwitterung statt, die dann durch das oben bereits beschriebene Brennverfahren perfektioniert wird. Was dann den Brennofen verlässt, sind quasi Formen der Natur, Gesteinsbrocken, die wirken wie Schlacke, sie sind rau, wild und archaisch und doch eindeutig von Menschenhand geschaffen. Von Menschenhand, doch ohne den Fingerabdruck des Künstlers, der den Prozess objektivieren will, gerade durch diese Reflexion aber sich individuell und bestimmend einbringt.

 

 

 

 

Die Affinität dieser monolithischen Gefäße zu Gesteinsformen aus der Natur ist verblüffend. Doch ebenso offensichtlich ist, dass diese Gefäße bewusst geformt sind. Was hier entsteht, sind autonome bildnerische Volumen, die, und man kommt hier nicht umhin, auf Cézannes Gleichsetzung von künstlerischem Schaffen und anschaulichem Erkennen Bezug zu nehmen, parallel zur Natur entstehen. Auf dem notwendigen Weg über die Naturbeobachtung sah Cézanne eine Möglichkeit, sich in einem bewussten Objektivierungsprozess Natur anzueignen, um dann aus dieser Erkenntnis einen eigenlebendigen Organismus zu kreieren, ein Kunstwerk, das Natur nicht reproduziert, sondern präsentiert. In diesem Umwandlungsprozess sah er auch die eigene Persönlichkeit zwingend mit integriert. Denn um dem Kunstwerk das mitzugeben, was es von der Natur unterscheidet, sei es notwendig, das Individuelle, das Unverwechselbare also in das Werk mit einzubringen. Repräsentation von Natur also durch anschauliches Erkennen, das ist es, was er meint, wenn er von der Kunst als einer Harmonie spricht, die parallel zur Natur verläuft.

 

Diese Vorstellung Cézannes der "Repräsentation" von Natur, die qua Erkenntnis parallel zur Natur geschaffen wird, ist auf Jochen Rüths Gefäß-Plastiken legitim übertragbar. Die kraftvollen, selbstständigen Gefäße, denen eigenes Leben innezuwohnen scheint, die sich, jedes einzelne, so machtvoll behaupten, zitieren in ihrer Erscheinung die Entstehung der Welt und tragen, so möchte man sagen, die ganze Ewigkeit mit sich.

 

Jochen Rüth hat seit 1995 seine eigene Werkstatt in einer ehemaligen Schreinerei in Altisheim. Mit seinen originären Gefäß-Monolithen knüpft er, nach längerer Entwicklung und Erforschung von Strukturen und Oberflächen in der Natur und von Experimenten mit den Möglichkeiten der Texturierung keramischer Oberflächen, an seine immer schon vorhandenen plastischen Ambitionen an. Bereits in den 80er Jahren waren Plastiken entstanden, bei denen Rüth ebenfalls mit der Anmutung verschiedener Materialien und Oberflächen spielte. Auf dem Dachboden finden sich genügend Zeugen dafür, dass ihn dieser Weg immer wieder gereizt hat. Mit seinen neuen archaischen Stücken betont er, mehr noch als bisher, den bildhauerischen Aspekt seiner Arbeit. Die Gefäße sind gekennzeichnet von Zeitlosigkeit, von Harmonie und Bewegung, nicht allein durch ihre dynamische Erscheinung, sondern vor allem auch durch ihre lebendige Oberfläche, die sie wie eine Haut, entstanden aus Feuer und Asche, überzieht.

 

Erschienen im KeramikMagazin

Ausgabe 6/2002

 

Die Autorin Ines Kohl ist Kunsthistorikerin und Publizistin.

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FOR ALL ETERNITY

 

With his fascination for the surfaces created by natural processes of weathering, south german ceramist Jochen Rüth

views the effects of nature as a kind of natural refinement.

Enchroaching moss, lichen growths, salt water incrustations, forms shattered by ice and hollowed out by the wind - these are the associations

that come to mind when we view his rough, wild surfaces, covering simple shapes like a coarse skin.

These are the results of carefully evolved techniques and experience gained over many years, created in enclosed firing capsules

in an electric kiln - a process Rüth likes to refer to as "helping the hand of chance".

He processes his cube-like vases that remind one of lumps of rock in two stages: first they are dragged across square blocks of wood and beaten.

A stick is then driven into them, causing them to split open and creating long, jagged spurs when pulled apart.

Next, a blow torch is applied, causing the surface to crack and splinter.

The similarity with stones one finds by chance is quite astounding, as is the fact that one can clearly see that the pieces have been deliberately shaped by human will, without a single fingerprint of the artist being visible.

In their appearance, the powerful, independent vessels reflect the creation of the world, and carry all eternity within them.

 

Published in KeramikMagazin 6/2002

 

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